Zusammenfassung der Disputation vom 28./29. April 2023 im Grossratssaal Chur

8. Juni 2023

Disputation 500 Jahre nach Amtsantritt von Comander in Chur

Von Ursulina Mutzner

Zusammenfassung der Disputation vom 28./29. April 2023 im Grossratssaal:

Curdin Mark, Präsident der Reformierten Kirche Chur begrüsst den vollen Saal

Peter Peyer, Regierungspräsident: Das Wort Comander habe er zum erstenmal gehört vor 50 Jahren, als das Raumschiff zum Mond flog. von dort aus grüsste die Besatzung und wünschte uns auf der Erde Frieden, das passe ja auch irgendwie zum Thema.

Urs Marti, Stadtpräsident: Betont den Wirtschaftlichen Nutzen der Kirche.

Sebastian Brändli, Historiker Uni ZH, Autor von «Schatten der Reformation» betont politischen Charakter der Ref. und Umgang mit Frauen – Äbtissin Katharina konvertierte, erhielt aber keinen entsprechenden Titel oder Ansehen.

Emanuele Fiume, Waldenser:  Die Reformation von Italien fand in Graubünden statt, hatte daheim keine Chance ausser ein wenig in Lucca, Florenz, Venedig.

Cordula Seger, Kulturforschung GR: niemand der angefragten prominenten Redner habe abgesagt.

Victoria Maria Haas moderiert dreisprachig perfekt

Christina Caprez, Enkelin von Greti Caprez-Roffler erste «illegale» Pfarrerin in Furna, liest aus deren Tagebuch.

Daniele Papacella, Historiker: Als die Bündner Reformation italienisch lernte: Vergerio 1529 + Flugblätter der Druckerei Poschiavo + italienische Bibel, Diodati, aus Genf halfen rascher Verbreitung der Reformation. Es folgten «Sacro macello» etc.

Chasper Pult. Romanist: Mia bsögniusa lavur – zu den romanischen Bibelübersetzungen:  Jachen Pütschet (Name der Mutter) Bifrun übersetzte zuerst den Churer Katechismus von Comander, als Einleitung das Alphabet – wer lesen will, muss es zuerst lernen –  dann das «Unser Vater». Als zweites machte er sich ans Neue Testament. Die ganze grosse Bibel, gedruckt in Scuol von Vulpius war dann sehr begehrt, teuer, da das Unterengadin sich erst kurz vorher 1622 von Habsburg losgekauft hatte für teures Geld. Für Romanen brachte diese Bibel eine Kulturreformation.

Roland Just, em. Pfr. in Disentis: Reformierte Diaspora in der Cadi: Es gibt keine einheimische Reformation in der Cadi. Erst in letzter Zeit entstand ein migrantischer Kulturverein, gegründet mit Hilfe der Kraftwerke. Toleranz fehlt (Bemerkung der Autorin:  er vergisst, 1524 war in Ilanz, das lange nur protestantische Bürger hatte. Um Sagogn, Luven, Waltensburg gibt es viele einheimische Protestanten mit uralten Wurzeln, z. B. Martin Bundi, Riedi, Candrian. Oder beginnt die Cadi erst oberhalb von Tavanasa?).

Wolfgang Schutz, Archivar Kirchgemeinde Albula: Wenn Kirchgemeinden fusionieren: Vorher hiess die Kirchgemeinde Davos-Albula, reichte bis Bivio,  jetzt fusioniert mit Bergün. Reformation kam vom Engadin her zusammen mit dem Baustil der Häuser von Bergün und Filisur.

Miriam Nicoli, Historikerin: Bikonfessionelle Familien im Misox des 18. Jahrhunderts:  Mischehen unter Adligen brauchten Regeln. zum Beispiel a Marca – von Donatz aus Sils i. D. oder Louise Françoise Josephe de Saint Sixte de la Roche aus Savoyen heiratete P.C. von Donatz

Leza Dosch, Kunsthistoriker: Architektur der Comanderkirche von Cyrill von Planta ca. 1950. Der Turm nahe der viel befahrenen Ringstrasse als Signal, polygonaler Grundriss, gedeckte Galerie rundherum, Taube über der Kanzel von Bianchi, Farbfensterberatung Gian Casty.

Adrian Collenberg, Historiker: Protestantisches Kirchgemeindeleben unter bischöflicher Herrschaft Fürstenau war bischöfliche Residenz, beeinflusst Cazis, Tomils, Almens, letzteres hat zwei fast gleiche Kirchtürme, prot. bzw. kath. Die Gemeinden sind paritätisch.

Laura Decurtins, Musikwissenschafterin: Gesangskultur in Zuoz. Sererhard erwähnt 6 aktive Chöre in Zuoz. Noch heute sehr aktive SängerInnen.

Holger Finze-Michaelsen, Pfr.: Pietismus in GR: Pietismus im 18. Jh. verbreitet in GR durch die Herrnhuter führt zu Auseinandersetzung an Synode. 1831 gründet Pfr. Peter Flury ein Kinderheim aus dem die ELA wurde. «Gott hilft» Haldenstein-Zizers ist eine weitere pietist. Stiftung.

Ursina Hardegger, Pfr. Davos: Alltag in der Gemeinde: Kirchgemeindeversammlung findet die meisten Voten zu Finanzen u. Varia.  In einer Familie wird vor dem Dessert Bibel gelesen. Ein Lastwagenchauffeur rezitiert sich Bibelverse.

Josias Just, Klarinette und Andrea Kuratle erfreuten uns zwischendurch mit Musik von Cerny und Mozart.

Ein Apéro riche vom Hotel Stern erfrischte die Teilnehmer nach diesem vollbepackten Nachmittag.

 

Am Samstag begrüsste Curdin Mark nur noch halb soviele Zuhörer trotz sehr prominenter RednerInnen.

Ilanz hatte eine wichtige politische Dimension – wir wollen und sollen davon lernen.

Jan Andrea Bernhard, Theologe Uni ZH: Der Reformator Johannes Comander (1484-1557) ergänzt zum Buch über Comander:  Dorfmann, geboren in Maienfeld, Ausbildung in St. Gallen ZH, Basel, Amtsantritt 1523 in Chur als Priester. schrieb Katechismus du 18 Thesen, eine Sittenordnung. Die erste: «Gottes Wort Allein» wurde übernommen 1935 von der bekennenden Kirche in Deutschland.

Peter Opitz, Uni ZH: Zur Bedeutung der Disputationen in Zürich und Graubünden: Andere Disputationen nahmen Bezug auf die 18 Thesen. 1522 schrieb eine Dominikanerin ein Büchlein « Von der Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes». Disputationen, Zwinglis Erfndung, fanden statt im Rathaus. Göttliches Wort duldet keinen weltlichen Richter über sich. Jeder durfte mitreden – wahre Propheten können auch zuhören. Bern gelang es 1528 Bischöfe und Reformatoren von weither zusammenzurufen, ein europäisches Ereignis.

Eva Maria Faber, ehem. Rektorin TH Chur: Historische und ökumenische Lernchancen für Synodalität heute: Die Katholiken befinden sich aktuell in synodalem Lernprozess, «Synod 2021-2014». Syn- ode = Zusammenkommen, Dis-putation = Auseinandersetzen. Eck definierte synodalen Stil. Argument und Gegenargument, pro und Contra studieren führt zu Meinungsbildung. Als erstes wurde das Vorgehen diskutiert.

Florian Hitz Historiker, Kulturforschung GR: Glaubensfreiheit: Glaubens- und Gewissensfreiheit als Grundrecht bezog sich 1524 auf die Gemeinde, nicht das Individuum. Duri Campell habe das 1560 falsch interpretiert. Jeder kann glauben was er will solange er andere nicht belästigt. Anders die Untertanen, die haben der Obrigkeit zu folgen. Zur Wahl standen nur prot. und kath. Bekenntnis. Häretiker, Täufer und Arianer wurden verbannt.

Randolph C. Head, Uni California Riverside: Koexistenz: von der Toleranz zur Parität. Koexistenz muss gelernt sein in langem Prozess.

Immacolata Saulle Hippenmayer, Historikerin: Kirche und Gemeinde Talkirchen wurden im Spätmittelalter ersetzt durch Kommunalkirchen in riesigem Bauboom, Verdörflichung der Kirche. Gemeinden wünschten Seelsorge  im eigene Ort als Notfalldienst. Sie müssen nun den Pfarrer angemessen entlöhnen – dürfen ihn auch entlassen wenn nötig. Nach 1524 wurden die Pfründen ärmer weil Jahresstiftungen wegfielen sowie Zinsen und Zehnten reduziert waren. Bei Parität musste das Gut geteilt werden.

Rita Famos, Präs. Evang.-ref. Kirche CH: Kirche und Staat: gestern war sie im Libanon. Der Mittlere Osten wünschen sich einen Zivilstaat. Wir leben in säkularer, multireligiöser und konfessionsloser Umgebung. Jeder soll Herr über seine Glauben- u. Gewissen sein. Trennung von Kirche und Staat ist eine lange Entwicklung zu friedlichem Leben trotz unterschiedlicher Lebensphilosophie. Kirchen dienen der Allgemeinheit: 1. Durch Erziehung zu Nächstenliebe, Verantwortung, Zvilcourage. 2. Seelsorgerische Begleitung=Diakonie     3. Stärkung der Persönlichkeit zu Resilienz  4. Sie Modellcharakter für offene, gleichberechtigte partizipative Religionsgemeinschaften. 5. Kritisches Gegenüber des Staates zur Wahrung der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens.

Stichworte aus der Diskussion: Freiheit heisst auch Privilegien – Auch Minderheiten haben Rechte – Häretiker werden als Bedrohung empfunden – Obrigkeit hat Verantwortung Frieden zu bewahren – Glaubensfreiheit muss vom Staat garantiert sein. – Freiheit heisst auch nichts glauben zu dürfen- Toleranz hat mit Dulden zu tun – Dialog wird erst möglich, wenn wir unsere eigene Identität kennen- Hexenverfolgung gabs wo es wenig Kontrolle gab, das Maximum um 1650. Reformen gabs schon lange vor der Reformation.

Zum Schluss stellte die Moderatorin die Frage: was können wir lernen aus der Reformation?